Let’s Not Talk About Sex: Zur Kritik neolinker Geschlechterpolitik
Von SRB | Die Geschlechterfrage ist nicht kontrovers – die queerpolitischen Diskursverschiebungen sind es. Ihre Rückabwicklung ist Voraussetzung für eine gesellschaftspolitische Trendwende.
Ist die Diskussion darüber, was eine Frau ist, wirklich so wichtig? In gewisser Weise: ja. In anderer Weise: nein. Denn in der Sache selbst gibt es, wie an anderer Stelle bereits gesagt, eigentlich nichts zu debattieren. Zum Beispiel über die Anzahl der Geschlechter. Oder wie man, anknüpfend an Claire Ainsworth, auch sagen könnte: Two sexes, some variations, no debate!
Aspekte geschlechtlicher Varianz und von Intergeschlechtlichkeit ändern nichts an der biologischen Binarität – und haben wenig mit Geschlechtsidentität und Transgender zu tun. Queerpolitik wie auch Genderforschung können sich gerne damit befassen, was die Phänomenologie des Geschlechts für identitäre Fragen und Probleme oder auch soziale Rollen bedeutet – und was man rechtlich daraus machen kann. Die Biologie aber tangiert das nicht.
»Eine Affirmation der Zweigeschlechtlichkeit gar zum Kriterium von Transfeindlichkeit zu machen, erzeugt eine polarisierende Phantomdebatte – und ist generell fehlgeleitet.«
Eine Affirmation der Zweigeschlechtlichkeit gar zum Kriterium von Transfeindlichkeit zu machen, erzeugt eine polarisierende Phantomdebatte – und ist generell fehlgeleitet. Allenfalls betrifft das die Einordnung von Personen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen. Über (transidente) Geschlechtsidentitäten oder auch Geschlechterrollen ist damit noch gar nichts ausgesagt. Und es kann sowohl regressiv als auch progressiv ausgedeutet werden: eine Frage der Geschlechterpolitik eben.
Es ist nicht nötig, hier überhaupt eine Rechtfertigungshaltung einzunehmen. Als ob man beweisen müsse, dass die Biologie da eben nicht »weiter« sei, wie es oft heißt. Wer ernsthaft von Geschlecht als Spektrum, mehr als zwei biologischen Geschlechtern oder gar von Transfrauen als biologischen Frauen redet, ist mindestens Partialschwurbler. Die Tatsache, dass die allermeisten Menschen auf der Welt von dieser irren Debatte nichts wissen, unterstreicht das.
Die Geschlechterdebatte als Symptom tieferer Probleme
Warum ist sie dann wichtig? Weil sie etwas Größeres verkörpert! Nämlich Konflikte mit Ideologemen, die nur eine Minderheit vertritt, aber wirkungsmächtig in diskursprägenden Sektoren der Gesellschaft sind. Sie konzentrieren sich nämlich in Milieus, die in Wissenschaft, Medien, Kultur, Pädagogik dominant sind. Auch in der parlamentarischen Politik und der politischen Zivilgesellschaft sind sie überrepräsentiert.
Wenn Politiker der Frage ausweichen, was eine Frau ist, wenn Ministerinnen »Transfrauen sind Frauen« runterbeten, wenn ein undurchdachtes Selbstbestimmungsgesetz ohne Debatte durchgepeitscht wird, wenn NGOs die Ablehnung queerpolitischer Sprachakte zu transidenten Männern als antifeministische Vorfälle oder gar existentielle Bedrohung verbuchen, ist offenkundig etwas kaputt im Diskurs jener Milieus.
Die Geschlechterdebatte ist nur Symptom tieferer Probleme. Der innerfeministische Konflikt, der damit einhergeht, ist nur der oberflächlichste Schaden. Wenngleich er nicht zu unterschätzen ist. Die queerpolitischen Diktionen betreffen nicht nur konkret viele Frauen und verunsicherte Minderjährige, sondern werden noch mehr gesellschaftliche Konflikte erzeugen, wenn sie weiter im Alltag der Menschen implementiert werden.
Als weiterer Schaden – eine Schicht tiefer – ist eine innerprogressive Spaltung feststellbar, über den TERF-TRA-Dualismus hinaus. Denn für viele Linke, die mit neolinker Identitätspolitik ohnehin haderten, waren die diskursiven Verschiebungen rund um Geschlecht und Transfeindlichkeit ein antiaufklärerischer Offenbarungseid. Man ging folglich auf Distanz zu diesem irrationalen Moralspektakel namens Wokeness.
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»Was ist eine Frau?« als politischer Sanity Check
In der Transdebatte kristallisieren sich die Schwurbelpotentiale der Neolinken besonders deutlich. Als Ausdruck der dort vorherrschenden Denkformen durchdringt die dahintersteckende Logik aber alle gesellschaftspolitischen Themen, die neolinke Identitätspolitik anfasst. Die Bedeutung der Debatte geht daher weit über konkrete Betroffenheiten hinaus: Es ist der Sanity Check für das linke Lager generell.
Die gesellschaftliche Tragweite der Debatte lässt sich nicht am Anwendungsbereich bestimmter Konzepte bemessen. Sie hat auch eine immense metapolitische Dimension. Oder wie Richard Dawkins jüngst erklärte: »Für sich genommen mag es wie eine eher unbedeutende Sache erscheinen. Doch sie ist ein Symptom für die Missachtung von Wissenschaft und evidenzbasierter Wahrheit. Könnten Sie einen Flacherdler wählen?«
Womit wir beim Schaden sind, der am tiefsten liegt: Die Ideologeme, die die Diskursverschiebung angetrieben haben, erzeugen eine kulturelle Bruchlinie, mit der auch die Resonanzfähigkeit jeder weitergehenden Programmatik abreißt. Man wird insgesamt unglaubwürdig, wenn man das auch nur rechtfertigt. Mehr noch: Die irrationalen Kräfte am rechten Rand wirken im Vergleich dann auch nicht mehr so irre.
Tatsächlich verkleistern jene Ideologeme das Denken. Wer sich von ihnen leiten lässt, der wird auch bei anderen Themen zu ideologischen Denkfehlern und polarisierenden Ableitungen neigen. Welche das sind, sehen wir täglich aufs Neue im Kulturkampf. Quasi alles wird hier von Neolinken in Links-Rechts-Schubladen einsortiert – allein gefiltert durch die Brille eines exzessiv erweiterten Konzepts von Menschenfeindlichkeit.
»Dabei glauben auch in den verantwortlichen Milieus die wenigsten an die propagierten Glaubenssätze. Insgeheim weiß man natürlich, dass hier halbgare Konzepte aus der linken Szene normalisiert und zur moralischen Waffe gemacht wurden.«
Die Achillesferse neolinker Identitätspolitik
Dabei glauben auch in den verantwortlichen Milieus die wenigsten an die propagierten Glaubenssätze. Insgeheim weiß man natürlich, dass hier halbgare Konzepte aus der linken Szene normalisiert und zur moralischen Waffe gemacht wurden. Man macht halt mit, weil man es für opportun hält. Man verbreitet es oft nicht mal aktiv, sondern lässt gewähren. Und rechtfertigt es sich damit, dass das nur wenige beträfe.
Daher auch dieses häufige Gestotter auf die Frage, was eine Frau ist. Man kennt die Antwort, weiß aber auch, dass sie in den eigenen Kreisen nicht gewünscht ist. Also lenkt man ab: Wer diese Frage stellt, der muss doch Böses im Schilde haben, ja, ist vermutlich von rechten Narrativen infiziert! Spätestens hier wird deutlich, dass es nicht um die Sache an sich geht, sondern um die Reproduktion politischer Identität und Zugehörigkeit.
Das macht den Themenkomplex zum neuralgischen Punkt politischer Entwicklungen. Denn hier ist das Schwurbelpotential der Neolinken am deutlichsten, kickt am stärksten die kognitive Dissonanz. Deswegen muss der regressive, quasi-religiöse Gehalt ihrer Geschlechterpolitik verstärkt zum Thema werden – und nicht über Geschlecht an sich debattiert werden. Damit Zweifel an den Ideologemen in Distanzierung umschlagen.
Und das würde den Zweifel am ideologischen Gebäude der Neolinken insgesamt nähren. Wer merkt, welch seltsamem Gruppendenken er da aufgesessen ist, kann auch bei anderen Themen sein Muster überwinden. Und das spielt eine zentrale Rolle bei der kulturellen Polarisierung, die den Rechtsruck antreibt. Die Revision queerpolitischer Diktionen ist daher der Knackpunkt für eine kulturelle und politische Trendwende.

