Schwarzweiß vs. Weißschwarz: Woran erkennt man Bullshitter?
Von Lars Harzem & Holger Marcks | Für Möchtegern-Aufklärer ist Wahrheit beliebig. Stets lüge der Gegner, während die eigene Bubble schon irgendwie richtig läge. Eine Polemik gegen die Lagerkämpfer.
Bullshit ist grenzenlos. Wie jüngst in der Jungle World geschildert, picken sich im digitalen Lagerkampf die Vereinfacher verschiedener Couleur selektiv Informationen heraus, um Ereignisse im Sinne ihrer Gewissheiten zu vereindeutigen. Dabei ist solch affektives Gruppendenken nicht den Rechten vorbehalten. Man denke nur an Münster 2022, als sich viele Neolinke zusammenreimten, für den tödlichen Angriff auf eine Transperson durch einen tschetschenischen Brutalo seien queerkritische Feministinnen verantwortlich.
Die Lagerkämpfer beider Seiten mögen oberflächlich betrachtet Antithesen sein. In Wirklichkeit aber spielen sie zusammen im Team Bullshit. Sie stehen beide für ein ausgeprägtes motivated reasoning, bei dem das Denken stets in die Bahnen eines gewünschten Ergebnisses geleitet wird. Gemeinsam nehmen sie das Team Aufklärung in die Mangel. Differenzierende und vermittelnde Sichtweisen haben es im digitalen Medienzeitalter, wo die Dampfplauderer und Emotionalisierer den Ton angeben, besonders schwer.
»Was den Linken etwa der Volksverpetzer ist, ist den Rechten Nius: ein schlampiger Pseudojournalismus, der die Fakten für die eigenen Narrative biegt.«
Die linken und rechten Polarisierer haben mehr gemeinsam, als viele wahrhaben wollen. Was den Linken etwa der Volksverpetzer ist, ist den Rechten Nius: ein schlampiger Pseudojournalismus, der die Fakten für die eigenen Narrative biegt. In beiden Käseblättern sucht man abwägende Darstellungen vergeblich. Nach der Wahrheit wird gar nicht erst gesucht; man scannt und erzählt nur das, was zum Feindbild passt. Das gegnerische Lager hat bei beiden immer Unrecht, ganz egal, um was es geht. Man kennt nur schwarz und weiß und weiß und schwarz.
Wenn der Reichelt (ein rechter Laschyk) zuweilen einen Punkt hat, dann nicht, weil er seinen Verstand bemüht, sondern weil der Gegner, dem man aus Prinzip widerspricht, zuweilen Unsinn redet. Und wo der Laschyk (ein linker Reichelt) etwas Wahres sagt, dann eben auch nur, weil die andere Seite etwas Unwahres behauptet. Dasselbe gilt für all die ganzen Möchtegern-Influencer. Ob nun Ben Brechtken (ein Maurice Conrad von rechts) oder Sixtus (ein Don Alphonso von links): sie sind wie Yin und Yang; sie schwingen gemeinsam das Bullshit-Pendel.
»Die einen wollen von ihrer ideologischen Funktionalisierung nichts wissen, die anderen sehen nur Verschwörungen hinter ihnen. ... Komplizierte Widersprüche demokratischer Realität verblenden sie mit billigen Losungen.«
Auch im Umgang mit den herkömmlichen bzw. öffentlichen Medien geben sie sich die Klinke in die Hand. Die einen wollen von ihrer ideologischen Funktionalisierung nichts wissen, die anderen sehen nur Verschwörungen hinter ihnen. Beide unterbieten damit den kriselnden Journalismus um Längen. Komplizierte Widersprüche demokratischer Realität verblenden sie mit billigen Losungen. Die einen schreien bei jeder Kritik an neolinker Genderpolitik »Queerfeindlichkeit!«, die anderen jaulen bei jedem Gedanken an Regeln eines zivilisierten Diskurses »Meinungsfreiheit!«.
Ja, Kategorien wie »links« und »rechts« bleiben relevant. Sie stehen für unterschiedliche Vorstellungen, wie die Welt funktioniert und einzurichten sei. Aber für die Zukunft der Demokratie sind andere Grenzziehungen entscheidend: Das Team Bullshit muss zurückgedrängt werden – partei- und milieuübergreifend. Und eigentlich ist es leicht zu erkennen: Wer über den Unsinn im eigenen Lager nicht spricht, beim politischen Gegner aber ständig Lüge schreit, gehört wahrscheinlich dazu. Wer es gerne eindeutig und dramatisch hat, ist an Wahrheiten nicht interessiert.

