Woke-Kritik: Wähle das Original!
Von SRB | Kritiken an Wokeness gibt es mittlerweile zuhauf. Im linken Lager durchgesetzt haben sie sich noch lange nicht. Auch weil sie hinter frühere Kritiken linker Identitätspolitik zurückfallen.
Spätestens mit der erneuten Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben die Kritiken an linker Identitätspolitik merklich zugenommen. Insbesondere in den USA hat sich der Wind offenkundig gedreht. Dass dort nun viele Unternehmen vom Woke-Train abspringen, war ohnehin abzusehen. Wie im Panorama geschildert, waren viele einst aus opportunistischen Gründen darauf aufgesprungen: Sie verwechselten die diskursive Macht der Neolinken, die Medien, Wissenschaft und Kultur dominieren, mit einem allgemeinen Trend. Nun, wo deutlich geworden ist, dass man damit die breite Masse eher gegen sich aufbringt, rudert man ebenso opportunistisch zurück.
Bemerkenswerter ist da schon, wie in den Vereinigten Staaten mittlerweile diskutiert wird, inwiefern Wokeness – also die Adaption der linken Identitätspolitik durch den bildungsbürgerlichen Mainstream – zum rechtsextremen Backlash beigetragen hat. Sogar unter Demokraten hört man jetzt häufiger die Position, dass man sich damit auf Abwege begeben habe. Und auch in Deutschland setzt man sich zunehmend kritisch mit dem Phänomen auseinander. Nach einer Reihe von kritischer Literatur zum Thema findet die Diskussion langsam auch in den Medien statt. Der Autor Hendrik Wieduwilt verkündete bei ntv gar, dass die woke Linke »am Ende« sei.
»Aber stimmt das? Ist es wirklich over mit Wokeness?«
Aber stimmt das? Ist es wirklich over mit Wokeness? Gewiss, die Mär vom woken Fortschritt trägt nicht mehr; die damit verbundene politische Kultur hat ihren Zenit überschritten. Ihr gesellschaftlicher Einfluss nimmt spürbar ab; der moralische Druck macht nun weniger Eindruck. Und doch wird dies am grundsätzlichen Problem, dass das rechte Lager vom Irrsinn der Neolinken profitiert, wenig ändern. Denn solange sich das linke Lager von der Identitätspolitik nicht freimacht und explizit auf Distanz dazu geht, werden viele Menschen nichts mit ihm anfangen können. An Wokeness hat sich die Linke halt ihren Ruf verbrannt. Sie ist zentraler Faktor der Repräsentationskrise.
Bildungsbürgerliche Konzentrationsbewegung
Ohne eine Aufarbeitung, warum linke Identitätspolitik so wirkungsmächtig wurde, ist eine Trendumkehr nicht zu erwarten. Denn die Frage, weshalb die Linke gerade bei den unteren Klassen, ihrer eigentlichen Zielgruppe, so abkackt, ist sonst nicht zu beantworten. Immer wieder haben wir deswegen betont, dass eine Kritik der linken Identitätspolitik der Schlüssel für ein Verständnis der linken Krise ist, die eben auch eine epistemische ist. Wokeness fungierte eben als Herrschaftstechnik privilegierter Milieus. Dass sie in der Linken so stark wurde, sagt einiges über ihren Klassencharakter aus. Wer das ausblendet, ist weder zu Klassenanalyse noch zu Klassenpolitik in der Lage.
»Man mobilisiert hier v.a. die junge Bildungsbourgeoisie und/oder Teile der restlichen Linken. Damit kann man die absoluten Zahlen steigern, das Verhältnis zur breiten Masse wird damit aber nicht besser.«
Beobachten kann man das gerade bei der Linkspartei. Dort gerät man ob des aktuellen Umfragehochs in Ekstase, feiert sich als antifaschistische und soziale Kraft. Doch weder schwächt man die AfD, noch gewinnt man in den unteren Klassen. Man mobilisiert hier v.a. die junge Bildungsbourgeoisie und/oder Teile der restlichen Linken. Damit kann man die absoluten Zahlen steigern, das Verhältnis zur breiten Masse wird damit aber nicht besser. Vielmehr verblendet der numerische Erfolg, dass sich hier Menschen konzentrieren, deren epistemische Ordnung in Konflikt mit dieser stehen. Es ist ein trügerisches Vorankommen, das in eine Sackgasse führt.
Statt an den Kern des Problems zu gehen – nämlich die soziale Repräsentationskrise, die sich auch und gerade in linker Politik zeigt –, überspielt man es mit dem infantilen Antifaschismus einer Heidi Reichineck und dem pseudo-rebellischen Gehabe eines Jan van Aken. Damit mag man die Bürgikids auf TikTok gewinnen, verschärft jene Krise aber weiter. Dass die Co-Chefin der Partei Erfolge bei der Jugend als »spielentscheidend« feiert, zeigt, wie wenig man die sozio-politischen Dynamiken verstanden hat. In Zeiten der gesellschaftlichen Überalterung sind es gewiss nicht die Jungen, die über unsere Zukunft entscheiden. Das ist zu plump gedacht.
Vor der Welle statt nach der Welle
Zu dieser Kurzsicht passt, dass man kontroverse Themen zu umschiffen versucht, um das linke Gemüt nicht zu strapazieren. Wokeness etwa kehrt man nicht mehr so nach außen, aber auch nicht raus. Lieber demonstriert man mit der Regierung geschichtsvergessen gegen ein imaginäres 1933 und krakeelt »Auf die Barrikaden!«. Aber zum Kampf der Ukraine gegen den russischen Faschismus, der nun, mit Trump, zur akuten Gefahr für Europa wird, verhält man sich indifferent bis feige. Es ist ein Populismus für das moralisch-panische Bildungsbürgertum und die post-bolschewistische Linke. Was die Stimmungen bei den sozialen Zielgruppen sind, ist egal. Damit schließt man weder die Reihen gegen die äußere Bedrohung, noch schwächt man damit die extreme Rechte.
Der Neolinken mangelt es an einem materialistischen Verständnis ihrer selbst. Selbst ein Ulf Poschardt beweist davon mehr, wenn er das »Shitbürgertum« unter Klassengesichtspunkten zu fassen versucht. Und da hängt die Latte schon sehr tief. Denn was der pseudo-libertäre Selbstdarsteller hier abliefert, ist ein Sammelsurium von losem Gedankenmüll. Sein »Buch« mag ein paar treffende Beobachtungen enthalten, aber gewiss keine analytische Tiefe. Dass ein Nullchecker wie Julian Reichelt das Machwerk als geistreich abfeiert, ist da bezeichnend. Beide gehören eben der rechten Variante des Shitbürgertums an; sie sind das Pendant zur intellektuellen Verarmung von links.
Dabei liegen fundierte Analysen schon lange vor. U.a. formulieren unsere Autoren seit vielen Jahren eine radikale Kritik an linker Identitätspolitik – noch bevor sie von der linken Szene auf den bildungsbürgerlichen Mainstream übersprang; noch bevor die Rechten überhaupt wussten, was Wokeness ist. Wer sich nicht auf Halbgares aus der jetzigen Welle der Woke-Kritik verlassen will, sollte das Original lesen. Gute Analysen erkennt man daran, dass sie vor der Welle schwimmen. Dort findet man auch Antworten auf die Repräsentationskrise der Demokratie im Allgemeinen und der Linken im Besonderen. Darum geht es denn auch im letzten Kapitel des Panoramas, das bald folgt.
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