Panorama Use Case: What's the Matter With Cancel Culture?
Von Redaktion | Gibt es gar keine Cancel Culture, weil die Betroffenen gar nicht mundtot seien? Dieses bizarre Argument ist erstaunlich häufig zu hören. Warum es Unsinn ist.
Ein typischer talking point im neolinken Diskurs ist das (sehr schlichte) Argument, cancel culture sei eine Art Halluzination, da die vermeintlich Gecancelten doch häufig viel öffentliche Aufmerksamkeit erhielten.
Das ignoriert nicht nur konsequent, was die tatsächlichen Kritiken an cancel culture sind, sondern zeugt auch von Ahnungslosigkeit, was sowohl den Begriff selbst als auch die Genese des Phänomens betrifft. Dazu das Panorama:
»Cancel culture, ein rechtes Narrativ! Wer rechten Unfug redet, muss mit Gegenrede rechnen! Überhaupt bekommen die angeblich Gecancelten doch weiter(e) Aufmerksamkeit! Anders als dieser Strohmann der Cancel-Leugner aber behauptet, geht es bei cancel culture nicht darum, dass Personen effektiv mundtot gemacht würden. Das wäre gar ein cancel regime. Vielmehr verweist der Kulturbegriff auf kollektive Praxen von (politischen) Lebensformen. Der Begriff der »Hasskultur« meint auch nicht, dass Hass obsiegt, sondern dass er gemeinschaftsbildend in einem Milieu wirkt. Dass der Wille zum Canceln in einem solchen stark ist, heißt nicht, dass es selbst keinen Gegenwind erfahre. Im Gegenteil: Kritiker der cancel culture betonen ja gerade, dass diese negativ zurückschlage. Das eigentliche Problem ist nämlich nicht, dass man Personen schädigt, sondern die intellektuelle Verflachung: Unliebsamen Meinungen begegnet man nicht mehr mit sachlichen Argumenten, sondern man will sie aus der Öffentlichkeit bannen. Und da eine inhaltliche Debatte ausgeschlossen ist, impliziert dies, dass nicht einfach Ideen, sondern zwangsläufig die Menschen bekämpft werden, die sie vortragen: durch Reputationsverlust und/oder berufliche Ächtung. Vordergründig sind zwar sie es, die von dieser Personalisierung des Politischen geschädigt werden (sollen); hintergründig schadet es aber den epistemischen Grundlagen eines aufgeklärten, demokratischen Diskurses.«
— Marcks & Zimmermann, Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama, Bd. 2, Vertiefung zu Kap. VIII, Fn. 40
Grundsätzlich aber ist die empirische Funktion von cancel culture (ob im linken oder rechten Lager) weniger, Stimmen aus der allgemeinen Öffentlichkeit zu drängen, sondern den Konformitätsdruck im eigenen Lager hochzuhalten. Der Verlust der sozialen Anerkennung in den eigenen Reihen ist es, der dabei stets als Damoklesschwert über einem kreist und so eine milieuinterne Schweigespirale erzeugt. Auf diese Weise werden Abweichungen effektiv gedeckelt und wird jene Homogenität hergestellt, die der politische Lagerkampf verlangt. Genaueres dazu lässt sich im Panorama nachlesen.


