Vom Wurstkampf zum Kulturkampf: Selbsterfüllende Prophezeiungen neolinker Narrative
Von Ronja Bergmann | Auf Wirrung folgt Irrung folgt Wirrung: Wie die Neolinke ein Manöver gegen unternehmerische Konkurrenz zum Kulturkampf umdeutet – und damit Kulturkampf macht.
Es ist nicht so, als ginge es bei dem Wurstthema um die Wurst. Also im sprichwörtlichen Sinne. Es gibt deutlich wichtigere Dinge, als über die Semantik von Veggie-Wurst und Veggie-Schnitzel zu diskutieren. Und doch lässt die Debatte über die EU-Parlamentsentscheidung in dieser Woche tief blicken, was den Zustand des öffentlichen Diskurses im Allgemeinen und den des neolinken im Besonderen betrifft. Geschenkt, dass die Entscheidung, die von der EU-Kommission und den Mitgliedsstaaten noch bestätigt werden muss, hanebüchen ist. Man muss schon selbst auf den Kopf gefallen sein, um wirklich zu glauben, die Bürger könnten ein »veganes Steak« für ein Fleischprodukt halten. Die Begründung, es ginge darum, den Verbraucher vor Täuschung zu schützen, ist mehr als fadenscheinig.
Auch sprachlich ist das nicht nur Unfug, sondern geradezu eine Vergewaltigung zumindest des Deutschen. Eine Wurst meint bekanntlich nicht nur ein Fleischprodukt, sondern schlicht auch etwas Rollenförmiges. Und Schnitzel meint sogar ursprünglich lediglich ein geschnittenes Stück, egal von was. Würde man der Logik der Parlamentsmehrheit folgen, müsste man den Lebensmittelmarkt von unzähligen Begriffen säubern.
Doch so bekloppt das rechte Lager im Parlament hier auch entschieden hat, die Reaktionen aus dem (neo)linken Lager unterbieten das noch. Die Rechten würden hier wieder mal, wie beim Gendersternchen, Kulturkampf machen, heißt es. Die Grüne Lisa Baldum spricht gar davon, sie würden Veganismus für »böse« halten (@BadumLisa auf X). Wie Lemminge spult man linkerseits solche talking points ab.
Allein, die Entscheidung war kaum von derlei Motiven getragen. Es war, ganz banal, eine move, mit dem sich die rechten Politiker als Handlanger der Fleischindustrie andienten, die der fleischfreien Konkurrenz ans Bein pissen will. Sogar das rechte Fußvolk zeigt sich keineswegs begeistert. Auch dort überwiegen die Stimmen, die den Bürger hier für blöd verkauft halten; überhaupt hätten Politiker besseres zu tun.
Es gibt in dieser Sache also durchaus einen breiten common ground. Damit hätte man den Fall als Anlass nehmen können, um darüber zu reden, was da eigentlich falsch läuft in unserem Repräsentationssystem: Warum es immer wieder zu parlamentarischen Mehrheiten kommt, die den Bevölkerungswillen verzerren, über Lobbyeinflüsse, über nutzlose Politiker, über strukturelle Systemfehler usw.
Stattdessen krakeelt man linkerseits: Kulturkampf! Und macht damit – welch Ironie – den Wurstkampf genau dazu. Denn damit führen sie – Mertons self-fulfilling prophecy lässt grüßen – die Debatte selbst auf kulturkämpferische Pfade. Wenn die Rechtspolitiker wirklich von etwas ablenken wollten, dann haben sie in den Neolinken ihre Erfüllungsgehilfen gefunden. Dank ihnen diskutiert man nun v.a. über Kulturkampf.
Die Episode mag albern erscheinen, ist aber typisch für das Elend des neolinken Diskurses. Es herrscht hier eine Unfähigkeit vor, über strukturelle Gründe für die Repräsentationskrise zu reden. Lieber versucht man sich zu profilieren, indem man sich über die Unmoral des politischen Gegners empört. Das einfältige Gelaber vom rechten Kulturkampf ist hierfür ein beliebtes Vehikel – auf dem die Rechten dankend mitfahren.
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Wer sich tiefer damit auseinandersetzen will, wie es zu Verzerrungen im Repräsentationssystem kommt, warum in unseren Institutionen das geistige Mittelmaß und in den sozialen Medien gar die Idiotie vorherrscht, wieso bestimmte personelle Zusammensetzungen bestimmte Wissensordnungen hervorbringen (und umgekehrt), findet im Panorama Antworten – und im neunten und letzten Kapitel sogar Lösungen.



