Dialektik der (De-)Polarisierung: Spalten, um zu einen
Von Manuel Cordsen & Lars Harzem | Was hat es mit der »kulturellen Repräsentationslücke« auf sich? Und warum braucht es diskursive Spaltung, um sie zu schließen?
Das Problem der kulturellen Repräsentationslücke ist zentral, um zu verstehen, warum dem linken Lager die unteren Klassen abhandenkommen. Im sozialrepublikanischen Panorama wurde es bereits ausgeführt. In einem Artikel für die Ruhrbarone wurde es nun nochmal von Holger Marcks zusammengefasst und mit wissenschaftlichen Befunden versehen. Erläutert wird darin auch, warum die Schließung jener Lücke entscheidend dafür ist, ob linke Politik überhaupt noch möglich ist. Denn mit wem soll diese denn noch durchgesetzt werden, fragt der Autor: mit den Reichen?
Dass das linke Lager eine treibende Rolle bei der Polarisierung spielt und in kulturellen Konflikten viele auf Distanz zu sich bringt, kann man eigentlich nur noch mit sehr großen Scheuklappen übersehen. In den vergangenen Wochen ließ sich das erneut beobachten. Die Praxen, die sich rund um eine »Alle Männer«-Rhetorik zeigen, fahren geradezu das Maximum an identitätspolitischer Dichotomisierung auf. Mehr Kulturkampf geht nicht. Und der Effekt ist stets der gleiche: Ein wachsendes Unverständnis gegenüber dem merkwürdigen Verhalten progressiver Großstädter.
Wie im Panorama analysiert, weisen die linken Pfadabhängigkeiten nicht darauf hin, dass es zu einem Bruch in diesem Prozess käme. Die Wissensordnung des linken Lagers lässt Lösungen außerhalb der gewohnten Denkweise nicht zu. Man steckt fest in den Narrativen, mit denen man sich in die Schlachten geworfen hat. Denn wo man groß emotionalisiert und moralisiert, abweichende Meinungen ausgrenzt und ächtet, klar zwischen gut und böse, wahr und falsch, unterscheidet, da sind Fehler umso schwieriger einzusehen. Die eigene Identität würde implodieren.
In den USA sehen wir gut, wie schwer man aus der Ereiferung herauskommt. Obwohl der Präsident offensichtlich durchgeknallt ist, wenden sich diejenigen, die in ihm den Messias gegen das Böse sehen wollten, nur schweren Herzens ab und noch schwerer den verhassten Demokraten zu. Andersrum dieselbe Renitenz. So wie man schon aus 2016 nichts gelernt hat, wird man auch die zweite Chance kaum nutzen, die Versager Trump dem linken Lager bietet. Vom Irrsinn der woken Heilslehre abzukehren, hieße, den Bösen recht zu geben. Und so bleibt Amerika zerrissen.
Dabei gibt es dort wie auch hierzulande eigentlich eine Mehrheit für eine vermittelnde Politik. Neben dem Parteien- und Wahlsystem sorgen aber die Lagerkämpfer verschiedener Couleur für eine polarisierte Konstellation. Gerade in digitalen Zeiten erhalten sie übermäßig viel Gewicht; sie lärmen in den sozialen und den herkömmlichen Medien, profilieren sich über ständige Emotionalisierung und Moralisierung und sanktionieren die vermittelnden Meinungen, die nicht in ihr simples Freund-Feind-Schema passen. Die leise Mehrheit wird so in Geiselhaft der Polarisierer genommen.
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Es braucht eine politische Kultur, die die Spalter spaltet. Und die sind einfach zu erkennen: Wer Politik affektiv dauerkommentiert, sich ständig empört, gehört dazu; wer sich nur mit homogenen Meinungen umgibt, nie dem Gegner zustimmt, gehört dazu; wer bei den anderen stets Lügen annimmt, aber nie Kritik an den eigenen Reihen übt, gehört dazu; wer bei »rechts« nur Nazis und bei »links« nur Kommis sieht, gehört dazu; wer bei Özdemir an völkische Politik oder Islamisierung denkt, sowieso; und wer keine Ermittlungsergebnisse abwartet, bevor er individuelle Fälle zum Kulturkampf macht, erst recht.
Wer sich über Repräsentationsdefizite in der Politik beklagt, darf über die (sozial-)medialen Polarisierer nicht schweigen. Die Dauerempörer links wie rechts stehen, auch wenn sie es lautstark reklamieren, noch am wenigsten für die Mehrheit. Denn die hat in der Regel ein Leben und hängt nicht ständig in den sozialen Medien rum. Die unterhält sich vernünftig mit ihren Mitmenschen, statt im Digitalen rumzupöbeln. Die hat in vielen Fragen eine vermittelnde Position und möchte Prioritäten gesetzt sehen. Und die ist genervt von denen, die die ganze Zeit das Barometer hochtreiben, wo es kühler Köpfe bedarf.

