Rückkehr zu Eribon – oder: Der Weg in den Sumpf
Von Holger Marcks | Was hat die Sozialdemokratie bloß so ruiniert? Darüber hat man sich im »Bundestalk« der taz einige gute Gedanken gemacht. Hier noch ein paar Ergänzungen.
Im Bundestalk«-Podcast der taz haben sich Anna Lehmann, Stefan Reinecke und Cem Güler mit Sabine am Orde einige Gedanken zur Krise der Sozialdemokratie gemacht. Insbesondere dazu, warum der einst arbeiterstolzen Partei die unteren Klassen als Wähler abhandenkommen. Sie sprechen dabei einige Probleme an, die im Panorama eine zentrale Rolle spielen. Wie die Repräsentationskrise des linken Lagers zu einer Repräsentationskrise des parlamentarischen Systems führt – und damit den politischen Rechtsruck begünstigt, ist nämlich das große Querschnittsthema des Buches.
Die Talker stellen fest, dass das Problem eines Personals, das bei den Arbeitern nicht überzeugen kann, ein tiefer sitzendes ist. Denn die soziale Zusammensetzung der Mitglieder und vor allem der Engagierten hat sich substantiell verändert. Ihr Führungspersonal rekrutiert sie so vorwiegend aus Milieus, die habituell und kognitiv nicht mit den unteren Klassen resonieren. Das ist völlig richtig. Das Problem der »kognitiven Asymmetrien«, wie es Veith Selk nennt, besteht nicht nur zwischen Basis und politischer Klasse im Allgemeinen, sondern auch im Verhältnis zwischen den unteren Klassen und linken Parteien im Besonderen.
Man muss aber ergänzen: Das Problem sitzt noch tiefer. Immerhin schlagen sich auch Leute von den lon Republikaner schlagen wir uns seit vielen Jahren mit dem kulturellen Wandel der Linken rum. Bereits in den Debatten über eine »Neue Klassenpolitik« in den 2010er Jahren wiesen wir darauf hin, dass die zunehmend bildungsbürgerliche Zusammensetzung linker Organisationen die Grundlage linker Politik zerstören wird. Dass die Abkömmlinge der Bildungsbourgeoisie gesellschaftliche Probleme durch eine andere Brille wahrnehmen als die Arbeiterklasse, sollte eigentlich jedem mit etwas klassenanalytischem Grundverständnis begreiflich sein.
»Ein Ende ist nicht abzusehen. Das sehen wir – von wegen Wokeness ist over – in diesen Tagen deutlich, wo ein Promi-Beziehungsdrama wieder mal zum großen Kulturkampf hochgejazzt wird.«
Was sich eine bildungsbürgerliche Linke als soziale bzw. progressive Politik zusammenreimt, entspricht logischerweise ihren Vorstellungen und Vorurteilen über die Interessen und Bedürfnisse der unteren Klassen. Dabei geht es nicht nur um Themensetzung und Auftreten. Und auch gar nicht mal so viel um politisch-ökonomische Fragen, wie es etwa Philipp Türmer glauben machen will, der sich als »Erneuerer« in Stellung bringt. Es geht v.a. um Einstellungen in kulturellen Fragen, die das gesellschaftliche Zusammenleben prägen, und um Praxen, die sich daraus für den Alltag ableiten – auch den politischen. Kurz: um politische Kultur.
Die politische Kultur, die mit dem Buzzword der Identitätspolitik assoziiert wird, ist sowohl Ausdruck als auch Treiber einer kognitiven Asymmetrie, die sich zu einer »kulturellen Repräsentationslücke« (Laurenz Guenther) ausgewachsen hat. Denn zum einen ist sie ein Mittel, mit dem sich bildungsbürgerliche Milieus ihre soziale bzw. progressive Identität rationalisieren können, ohne ihre Rolle in den Herrschaftsverhältnissen reflektieren zu müssen. Zum anderen ist ihre Auslebung ein Garant dafür, dass man die unteren Klassen weiter auf Distanz zu sich bringt – und nur noch Milieus anzieht, deren kulturellen Präferenzen damit kompatibel sind.
Anders gesagt: Der See ist am Kippen. Es ist ein selbstverstärkender Prozess. Ein Ende ist nicht abzusehen. Das sehen wir – von wegen Wokeness ist over – in diesen Tagen deutlich, wo ein Promi-Beziehungsdrama wieder mal zum großen Kulturkampf hochgejazzt wird. Auch vom Problem der Milieuerosion, das mit den jüngsten Landtagswahlen nochmals deutlicher wurde, lässt sich das linke Lager dabei nicht beirren. Wie schon bei den Verschiebungen in den Jahren zuvor reagiert man bloß mit einem Mehr von der gleichen Denkweise. Auch die Türmers sind kein Bruch mit dieser, sondern verkörpern sie umso verdichteter.
Dabei sind die Mechanismen der Milieuerosion gut bekannt. Dass das Wissen nicht zur Kenntnis genommen wird, ist Teil des selbstverstärkenden Prozesses, der nicht nur linke Parteien, sondern auch linke Medien betrifft. Auch da lässt der kognitive Filter nur die Dosis an Kritik durch, die eigene Gewissheiten nicht zu sehr erschüttert. Und so fällt man dann gar hinter frühere Debatten zurück. In der einst durch Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« ausgelösten Debatte über Identitätspolitik etwa war man schon weiter. Wenn der linke Diskurs nicht mal dorthin zurückkann, ohne eine rechte Normalisierung zu sehen, wird der See zum Sumpf.

