Pits & Perverts: Solidarität statt Identitätspolitik
Von Holger Marcks | Vor 40 Jahren fand ein Benefizkonzert in London statt: Lesben und Schwule solidarisierten sich mit den Bergarbeitern. Es zeigt, was die Identitätspolitik von heute verpasst.

»Pits & Perverts«: So hieß ein Benefizkonzert, das heute vor 40 Jahren in London stattfand. Es ist Gegenstand des Films Pride, der von den »Lesbians & Gays Support the Miners« (LGSM) handelt. Indeed, ein schönes Beispiel für Solidarität. Aber keines für Identitätspolitik. Warum?
Im Spätjahr 1984 war der britische Bergarbeiterstreik, der im März begonnen hatte, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung. Etwa 150.000 Miners waren im Ausstand. Ereignisse wie die Schlacht von Orgreave schufen eine Bürgerkriegsaura. Tote gab es auch. Es ging um viel.
Maggie Thatcher hatte sich – nach ihrem Erfolg gegen den »äußeren Feind« im Falkland-Krieg – dem »Feind im Innern« zugewendet: den Gewerkschaften, deren Macht sie zerschlagen wollte. Dafür musste sie sich zwangsläufig mit der National Union of Mineworkers (NUM) anlegen.
Maggie Thatcher hatte sich – nach ihrem Erfolg gegen den »äußeren Feind« im Falkland-Krieg – dem »Feind im Innern« zugewendet: den Gewerkschaften (…)
Vordergründig ging es um Zechenschließungen, aber die Tory-Regierung hatte mehr im Sinn: einen Entscheidungskampf mit jener mächtigen Bergarbeitergewerkschaft, die noch 1972 und 1974 Regierungen zu Fall brachte. Geführt wurde sie von Arthur Scargill, einem harten linken Hund.
Fast schon militärisch hatten sich die Tories auf den Konflikt vorbereitet, in dem sie bis zum Äußersten gingen. So wurde gar den Kindern von Streikenden die Schulspeisung verwehrt. Mit jedem Streikmonat ohne Einkommen wurde es mehr zu einem Überlebenskampf für viele Familien.
Die Solidarität war aber groß. Und die Entschlossenheit. Davon zeugen Bilder der militanten picket lines, mit denen die verhassten Streikbrecher, die scabs, abgewehrt und Kohletransporte verhindert wurden. Mit flying pickets unterstützte man sich auch unter den Zechen.
Zum Winter hin standen aber viele ohne Licht & Heizung da. Es stellte sich akut die Frage, scab zu werden. Freundschaften, Familien zerbrachen daran. In dem (unterschätzten) Film Billie Elliot wird diese Zerrissenheit, Wut und Stolz, gut eingefangen.
In diesen Kontext fällt die Geschichte von Pride. Sie handelt von einer LGSM-Gruppe, die sich konkret mit Bergarbeitern in Wales solidarisiert. Ohne paternalistische Belehrungen über die Privilegien alter weißer Männer, ihre patriarchalen und heteronormativen Ordnungen usw.
Identitätspolitik meint nicht gleich Solidarität. Oder den Einsatz für die Interessen bestimmter Gruppen.
Identitätspolitik meint nicht gleich Solidarität. Oder den Einsatz für die Interessen bestimmter Gruppen. Es ist eine politische Kultur, die ihr Schubladendenken überall angewandt sehen will. Neolinke von heute hätten den Miners erklärt, dass sie sich diversifizieren müssen.
Soziale Allianzen erfordern Respekt vor der Realität der anderen. Für die Miners war es kein Kampf um Jobs, sondern um ihre Kultur. Die Linke solidarisierte sich anständig – und fand umgekehrt Gehör. Die Worte eines NUM-Sprechers auf dem Event vom 10.12.84 sprechen für sich.
»Ihr habt unseren Button … getragen, und ihr wisst, wie wir, was Schickanierung bedeutet. Nun werden wir uns euren Button anstecken; wir werden euch unterstützen. Die Dinge werden sich nicht über Nacht ändern, aber 140.000 Bergarbeiter wissen jetzt, dass es noch andere Anliegen und Probleme gibt. Wir wissen Bescheid über Schwarze, Schwule und atomare Abrüstung - und wir werden nie mehr dieselben sein.« - NUM-Vertreter beim Pits & Perverts
Aber kein Happy End: Im März ‘85, nach einem Jahr Streik, gaben die Miners auf. Es war das letzte Aufbäumen der brit. Arbeiterbewegung. Die NUM und andere unions wurden von den Neoliberalen rasiert. Die typischen Arbeiterstädte lösten sich auf, eine Kultur wurde vernichtet.
Darstellungen zum Streik, zum Thatcherismus und Arthur Scargill gibt’s hier:
