Panorama Use Case: Das Leben des Karl
Von Redaktion | Vor 150 Jahren soll sich die Erste Internationale aufgelöst haben, sagt man. Doch die Geschichte ist komplizierter – und ernster: Sie ist die Mutter linker Spaltungen.
Heute vor 150 Jahren war der erste Tag, an dem die legendäre Erste Internationale nicht mehr existierte. So steht es zumindest in den meisten Geschichtsbüchern. Demnach habe sich die Internationale Arbeiterassoziation (IAA), so der offizielle Name der 1864 in London gegründeten Organisation, am 15. Juli 1876 bei ihrer Konferenz in Philadelphia aufgelöst.
Tatsächlich aber betreibt man mit dieser Datierung (unbewusst) marxistische Geschichtspolitik. Denn bereits 1872 hatte sich die Internationale gespalten. Fortan reklamierten zwei Organisationen für sich, die offizielle IAA zu sein. Und nur eine davon löste sich 1876 auf: nämlich die Rumpffraktion um Karl Marx, die faktisch bereits 1873 zusammengebrochen war.
In der anderen Organisation hingegen hatten sich 1872 zunächst alle Landesföderationen gesammelt. Sie warfen Marx & Co. eine statutenwidrige Selbstermächtigung des Generalrats vor und setzen diesen ab. Häufig wird sie als »antiautoritäre Internationale« bezeichnet. Sie selbst verstand sich aber als offizielle IAA und führte bis 1877 noch mehrere Kongresse durch, bevor sie einschlief.
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Mit dem Datum 1876 oder auch der Bezeichnung »antiautoritäre Internationale« bezieht man also unfreiwillig Position: Man erkennt damit Marx’ gescheiterte Putschistentruppe als IAA an und übernimmt die Darstellung, wie sie von der Komintern in die Welt gestreut wurde. Warum eine andere Erzählung korrekter und spannender ist, erfährt man im Panorama:


