Der kommende Backlash: Von der Neolinken zur Neoreaktion
Von Manuel Cordsen | Statt die fatale Überlappung von Klassen- und Kulturkonflikten aufzubrechen, flüchtet sich die Neolinke in Bullshit. Dem rechten Irrsinn leistet sie damit Vorschub.
Warum uns die linke Identitätspolitik eine fatale Überlappung von Klassen- und Kulturkonflikten eingebrockt hat, erläuterte vor Kurzem Holger Marcks in der Jungle World. Und zwar am Beispiel der USA, wo sich die Folgen des neolinken Moralspektakels mit der Wahl Donald Trumps deutlich zeigen. Man hat dort die Faxen dicke mit den Belehrungen des woken Bildungsbürgertums.
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Auch hierzulande nimmt der Scherbenhaufen Form an, vor dem (linke) Kritiker von Wokeness & Co. schon lange warnen. Eine Linke, die den Bezug zu den einfachen Menschen verliert, sorgt dafür, dass Krisen eher eine Chance für die Reaktion als für den Fortschritt sind – und muss womöglich »mit ansehen, wie die Geschichte einen dunklen Weg nimmt«. So selbiger Autor vor einigen Jahren.
Potentielle Backlashs sind im politischen Handeln stets mitzudenken. Wer es nicht tut, macht sich zur Lunte explosiver Dynamiken.
Potentielle Backlashs sind im politischen Handeln stets mitzudenken. Wer es nicht tut, macht sich zur Lunte explosiver Dynamiken. Ja, die Neolinke hat ein problematisches Verhältnis zu Meinungsfreiheit und Pluralismus, offenbart anti-aufklärerische Tendenzen, verrennt sich in Bullshit und flüchtet sich in repressive Maßnahmen. Und ja, das kann auch Grundlage einer schleichenden autoritären Entwicklung sein.
Das alles ist schlimm genug. Aber das akut Gefährliche daran ist, dass sie damit Bewegungen Vorschub leistet, deren autoritären und gewaltförmigen Potentiale noch ausgeprägter sind. Zugleich sorgt sie dafür, dass diese Gefahr auch nicht wahrgenommen wird. Denn indessen haben die linken Hirtenjungen so viele Menschen zum Wolf erklärt, dass derlei Warnungen nicht mehr verfangen, wenn sich wirklich ein Rudel nähert.
Gerade die, die ständig »Freiheit« krakeelen, sind oft nicht weniger verblendet durch politische Religion als die woken Eiferer.
Nun haben wir den Salat. Die linke Normalisierung von Bullshit ist eben auch für den rechten Irrsinn förderlich. Dass nun viele Social-Media-Maulhelden, die sich sonst über minder mächtige Politiker empören, den mächtigsten aller Tech-Oligarchen wie pubertäre Swifties anhimmeln (also jenen Soziopathen, der sein Imperium wie ein Feudalherr führt), ist ein Witz, den die Neolinke mitgeschrieben hat.
Die politische Narretei der Neoreaktion folgt eben der neolinken Infantilisierung von Politik; die rechte Idiotie der linken Vertrottelung. Offensichtlich befinden wir uns auf dem Weg in die Kakistokratie, wenn immer mehr Menschen es für schlau halten, ein schales Bier durch Schwarzwasser zu ersetzen. Gerade die, die ständig »Freiheit« krakeelen, sind oft nicht weniger verblendet durch politische Religion als die woken Eiferer.
Sie beklagen den inflationären Fascho-Vorwurf – und wittern überall den Sozialismus; sie beklagen Fake News – und suhlen sich in der Jauchegrube von X; sie beklagen Angriffe auf die Meinungsfreiheit – und fantasieren selbst von Zensurmaßnahmen; sie beklagen internationale Einflussnahme auf nationale Prozesse – und jubeln der Regime-Change-Agenda eines Musk zu … Sie sind das Pendant zur woken Bigotterie.
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Dass Hinz und Musk zu allem ihren Senf im (digitalen) Plenum abgeben, ist eine Praxis, die schon bei Anarchos und Piraten Quatsch war. Es ist die Tyrannei der Dampfplauderer. Wir brauchen bessere Köpfe, nicht schlechtere. Und andere Denkformen. Die Frage ist, ob sich genügend Kräfte finden, die die Republik über die Parteien stellen – und sich über den Bullshit der wechselseitigen Polarisierer erheben: ein Lager gegen das Lagerdenken.

