Panorama Use Case: Die Engführung von Interessen- zu Identitätspolitiken
Von Redaktion | Jens Spahn ist schwul, möchte sich aber nicht als »queer« bezeichnen. Und das ist auch gut so. Das Panorama weiß warum.
»Queer« ist eine ideologische Konstruktion, die man – wie jede Ideologie – teilen kann, aber nicht muss. Die Empörungspapageien neolinker Identitätspolitik werden es nicht wissen, aber gerade in linken Kreisen war es lange Usus, dass »queer« eine spezifische geschlechtspolitische Haltung meint. Dann kam allerdings die woke Welle, die hier, wie in so vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, sprachliches Chaos schuf. Dass man den Begriff im öffentlichen Diskurs mittlerweile mit bestimmten sozialen Gruppen (LGBTI…) gleichsetzt, um diese sinnfrei in einen Topf zu werfen, ist also eine relativ neue Entwicklung. Und sie erinnert ein wenig an die alten Vulgärmarxisten, die ihre Ideologie einst mit den Interessen der Arbeiterklasse gleichgesetzt sehen wollten.
»Die Engführung von Interessen‑ zu Identitätspolitiken
In den letzten Jahren hat eine Verflachung des Diskurses um Identitätspolitik stattgefunden: Identitätspolitik, das sei Feminismus, Antirassismus usw. – wobei nur die Feminismen, Antirassismen usw. als Ausdruck der Interessen von Frauen, Migranten usw. anerkannt werden, die im identitätspolitischen Modus operieren. Es handelt sich also um einen Zirkelschluss, in dem die Gleichsetzung von Kritiken der Identitätspolitik mit einem regressiven Standpunkt rotieren kann. Dabei zeigt sich eine ähnliche ideologische Syntax wie schon im Marxismus, wo selbst sozialistische Kritiken an marxistischen Erscheinungen als arbeiterfeindlich wegrationalisiert wurden, so wie nun auch linke Kritiken an Ausformungen der Queerpolitik als zum Beispiel transfeindlich disqualifiziert werden.
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Dabei sind Feminismus, Antirassismus usw. (aber auch Klassenpolitik) erstmal keine Identitätspolitik, sondern (subalterne) Interessenpolitik. Und natürlich hat jede Form von Politik immer auch mit Identität zu tun, weswegen Identitätspolitik sich nicht einfach darüber definiert, dass Identität im Spiel ist. Vielmehr ging es bei der (linken) Identitätspolitik stets darum, dass die Zugehörigkeit zu einer deprivilegierten Gruppe bzw. die Identifikation mit dieser ein zentrales Kriterium epistemischer Autorität im politischen Diskurs ist. Eine solche Identitätspolitik, verstanden als epistemischer Modus von Politik, war auch der marxistischen und anarchistischen Klassenpolitik – mehr oder minder – eigen, wenn sie die Arbeiterklasse zur Stimme einer größeren Wahrheit machte, die hegemonial zu machen sei. Wo Anarchisten zumindest den Willen der Arbeiterklasse nur mystisch verklärten, zwirbelten sich Marxisten einen quasireligiösen, selbstreferentiellen spin, der auch identitätspolitischen Feminismen, Antirassismen usw. eigen ist: Sie setzten die Interessen ihrer Referenzgruppe (hier: Arbeiter) mit ihrer Ideologie gleich, indem sie diese als deren höheres Bewusstsein deklarierten. Das heißt: Für Marxisten relevant sind klassenbewusste Stimmen – und klassenbewusste Stimmen sind marxistische Stimmen. So wie heute auch viele (queer-)feministische Akteure nicht die Interessen von Frauen widerspiegeln, sondern nur die Frauenstimmen widerhallen lassen, die den Vorurteilen ihres identitätspolitischen Zuschnitts entsprechen. Abweichende Stimmen seien eben nicht emanzipiert, tokens, Arbeiterverräter. Solche tribalistischen Episteme führen natürlich nicht gleich zu GULAGs – aber eine wirklich inklusive Politik kann man davon schon mal nicht erwarten.«
— Marcks & Zimmermann, Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama, Bd. 2, Vertiefung zu Fn. VII.16


