Lesen: »Die Ainsworth-Böhmermann-Pipeline«
Von Ronja Bergmann | Was läuft falsch in der sogenannten Transdebatte? Über deren postfaktischen Dynamiken schreiben Till Randolf Amelung und Holger Marcks in der »Jungle World«.
Zum Jahresende sei hier noch auf einen Artikel von Till Randolf Amelung und Holger Marcks verwiesen. Denn er führt einer der roten Fäden aus dem Panorama – die plumpen Freund-Feind-Mythen in linken Diskursen – am aktuellen Beispiel der postfaktisch geführten Debatte um Transfeindlichkeit ganz plastisch weiter.
Till Randolf Amelung & Holger Marcks, »Die Ainsworth-Böhmermann-Pipeline« von Till Randolf Amelung und Holger Marcks, in: Jungle World, 15. Dez. 2022.
Ein Auszug: »Mythenbildung ist keiner politischen Richtung vorbehalten. Immerhin liegen ihr psychologische Mechanismen der Selbstvergewisserung zugrunde, zum Beispiel »identitätsschützende Denkfehler«, wie es der Philosoph Philipp Hübl nennt. Negative partisanship etwa, also die Tendenz, aus Prinzip eine Gegenhaltung zu verhassten Akteuren einzunehmen, kommt in allen politischen Milieus vor, insbesondere in digitalen Kontexten. Der Soziologe Petter Törnberg spricht hier von »affektiver Polarisierung«: einem Prozess, bei dem Akteure in ständiger Interaktion mit dem Gegner ihre Position neu bestimmen – und sich dabei abgrenzungsmotiviert verhalten. Die Kampagne gegen Vollbrecht, in der das Bild einer dämonischen »Fischbiologin« generiert wird, ist dafür symptomatisch. Nicht nur wurde das Gerücht gestreut, die biologische Geschlechterbinarität sei widerlegt und eine Berufung auf diese biologistisch und transfeindlich. Auch das Framing, wonach es sich bei den als trans-exclusionary radical feminists (Terfs) diffamierten Kritikerinnen von bestimmten Formen des Trans-Aktivismus um rechtsextreme, ja faschistische Kräfte handelt, stellt eine radikale Engführung dar.«

