Das Elend der Identitätspolitik(er): Eine theologische Umwälzung der Wissenschaft
Von Malte Clausen & Holger Marcks | In der »Süddeutschen Zeitung« fand sich jüngst ein Interview mit einem Verfechter der Identitätspolitik. Es steht exemplarisch für das Elend ebenselbiger.
Wie im Panorama erläutert, wird ihre theoretische Rechtfertigung gern in ein wissenschaftliches Gewand gehüllt – und ist doch nur ein Kanon quasi-religiöser Wunschvorstellungen. Das Wissenschaftliche wird so ins Theologische umgewälzt.
Der Einstieg in besagtes Interview ist dafür symptomatisch. Dort begegnen wir der derzeit wohl wichtigsten Frage rund um Identitätspolitik: »wie viel Schuld trägt die Identitätspolitik daran, dass sie so in die Defensive geraten ist?«
»Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim« (Max Weber)
Man könnte jetzt von einem Akademiker, der zahllose Papiere zu Identitätspolitik produziert, erwarten, dass er auf Formen, Elemente und Praxen der Identitätspolitik zu sprechen kommt und wie diese unterschiedlich auf und in die Gesellschaft wirken. Oder darauf, was sie theoretisch will und was ihre realen Effekte in einer komplexen Umwelt sind, also auf ihre Absichten und unbeabsichtigten Folgen. Oder darauf, wie die relevante Forschung die Wirkung identitätspolitischer Diskurse und Praxen diskutiert, welche Milieus für diese stehen, wie sie von anderen aufgenommen wird und welche Konflikte sie produziert, kurz: auf die empirischen Mechanismen von Identitätspolitik. Oder auch darauf, welchen Klassencharakter sie trägt und wie sie – wie jeder politischer Ansatz – als Herrschaftstechnik genutzt werden kann. Was man halt so tut, wenn man einen Gegenstand wissenschaftlich betrachtet.
Stattdessen erhalten wir folgende Verkündung: »Eine vernachlässigbar geringe. Identitätspolitik, demokratietheoretisch richtig verstanden, funktioniert nicht so, wie das immer kritisiert wird.«
Das erinnert dann doch sehr an jene Vulgärmarxisten, die Kritiken am Kommunismus mit dem Axiom abwiegeln, dieser bedeute doch, dass alle Menschen gleich und frei seien – da könne man nur aus falschen Gründen dagegen sein. Oder auch jene Wokies, die Kritik an Wokeness damit wegbügeln, diese meine doch bloß ein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit – wer sie kritisiere, wolle seine Privilegien nicht checken. Sie alle erinnern, wie auch der Interviewte, an religiöse Eiferer, die in etwa so argumentieren: Das Christentum (richtig verstanden) ist friedlich, ergo sind alle Christen friedlich. Und die gewalttätigen Christen? Die sind wohl aus anderen Gründen so. Und überhaupt sind die Anliegen des Christentums im Grunde doch edle und sollten von der Bevölkerung recht bald angenommen werden. Wer dagegen ist, hat sein wahres Wesen nicht verstanden, ist verführt von anderen Kräften mit finsteren Interessen. Negative Folgen des christlichen Wirkens haben vernachlässigbar wenig mit dem Christentum selbst zu tun, das ja nur recht tun wolle. Max Weber nannte das »Gesinnungsethik«.
»Das erinnert dann doch sehr an jene Vulgärmarxisten, die Kritiken am Kommunismus mit dem Axiom abwiegeln, dieser bedeute doch, dass alle Menschen gleich und frei seien – da könne man nur aus falschen Gründen dagegen sein.«
Nein, Identitätspolitik meint nicht den Kampf benachteiligter Gruppen
Der Interviewte steht für eben solch eine quasi-religiöse Denkweise – so szientistisch sie auch daherkommen mag. Selbst wenn man das beschriebene Ideal von Identitätspolitik als solches gelten lassen würde, so bliebe immer noch die real existierende Identitätspolitik. Die aber will der politische Theologe nicht mal einpreisen. Mehr noch: Selbst der von ihm in Stellung gebrachte Begriff der Identitätspolitik ist ein bemerkenswert indifferenter. Diese will er nämlich als »gemeinsame politische Praxis von strukturell benachteiligten Gruppen« verstanden wissen. Das schließt nicht nur aus, dass es auch eine Identitätspolitik von rechts gibt, die gewiss nicht auf das Empowerment benachteiligter Gruppen zielt. Auch als Definition speziell von linker Identitätspolitik stiftet es mehr Verwirrung als Klarheit, setzt es diese doch mit jeder Form subalterner Interessenpolitik in Eins – einschließlich einer proletarischen Klassenpolitik.
Dabei müsste zumindest hier der Interviewte besser Bescheid wissen. Immerhin drehen sich seine Arbeiten zu Identitätspolitik zentral um epistemische Fragen. Zugespitzt: Wer darf wann was sagen? Wer hat Autorität, über bestimmte Erfahrungen zu sprechen? Wessen Wissen gilt als legitim oder relevant? Wer darf für wen sprechen – und wo sind die Grenzen der Stellvertretung? Wann ist Schweigen geboten, wann Reden? Wer darf definieren, was als Diskriminierung oder als Fortschritt zählt? Welche Stimmen werden gehört, welche systematisch überhört? Wer darf kritisieren – von innen (als Betroffene) oder von außen (als Nicht-Betroffene)? Usw. usf. Tatsächlich sind dies auch die Fragen, auf denen sich viele Konflikte um Identitätspolitik aufbauen. Sie finden in zahllosen Streitigkeiten über das politisch Korrekte, Richtige, Wahre oder einfach nur Zulässige in Politik und Alltag ihren Ausdruck.
Eine Art Ideologie der Ungleichwertigkeit von Meinungen
Damit sind wir beim eigentlichen Wesen von Identitätspolitik, so wie sie lange auch in der (radikalen) Linken diskutiert wurde (Stichwort: Standpunkttheorie, Stichwort: Definitionsmacht, Stichwort: epistemische Autorität, usw.), bevor sie in den bildungsbürgerlichen Mainstream einsuppte. Seit aber zunehmend privilegierte Weißbrote in der Bezugnahme auf subalterne Interessen ein Mittel gefunden haben, sich als besonders zivilisiert zu distinguieren, vollzog der Diskurs um Identitätspolitik eine rasante Verflachung (siehe dazu Glossar »identitaetspolitik« (Panorama)). Der Interviewte folgt zumindest dieser Verflachung in seinen Arbeiten eigentlich nicht. Dort wird Identitätspolitik durchaus als epistemischer Modus von Politik verhandelt – und vertreten. Denn eine standpunktheoretisch angeleitete Politik, die Bürger anhand ihrer Gruppenmerkmale unterschiedliche Wertigkeiten in verschiedenen Fragen zurechnet, wird da offen gepredigt. In der SZ wurde aber genau dieser epistemische Relativismus unter den Teppich gekehrt. Vermutlich wäre sonst klargeworden, warum linke Identitätspolitik mit demokratischen Prinzipien über Kreuz liegt.
»Eine politische Kultur, die Wahrheiten immer mehr an Identitäten statt an Argumenten festmacht«.
Im Panorama haben wir diesen epistemischen Relativismus – eine Art Ideologie der Ungleichwertigkeit von Meinungen – schon früh kritisiert. Er macht sich in einer politischen Kultur bemerkbar, die »Wahrheiten immer mehr an Identitäten statt an Argumenten festmacht« und in letzter Konsequenz »die Kapazitäten des Denkens darauf umleitet, ein Schubladensystem zu verargumentieren, das – dem jeweiligen bias entsprechend – definiert, wer was definitionsmächtig sagen darf. Als Prinzip demokratischer Politik hat das nicht nur einen machtpolitischen Wettbewerb darum zur Folge, wer als repräsentativ für eine (Inter-)Sektion gelten darf (mit entsprechenden Verargumentierungen); es bedeutet auch das Ende des deliberativen Austauschs über Argumente in der ›Sache selbst‹ (Machiavelli), so dass der Anspruch eines aufgeklärten Universalismus effektiv ad absurdum geführt wird. Das empirische Ziel der Identitätspolitik ist nicht die Gleichstellung aller, sondern die Ungleichbehandlung aller, sortiert nach einem Kastensystem« (Fn. VII.19).
Die begrifflichen Leitplanken einer politischen Theologie
Widersprüche, Denkfehler, Folgeprobleme, Instrumentalisierungspotentiale… all das taucht in der Theologie des Interviewten kaum bis gar nicht auf. Dass es gerade privilegierte Weißbrote wie er es sind – und keineswegs die subalternen Massen –, die für Identitätspolitik stehen oder dass es auch konservative, liberale und linke bis linksradikale Kritiken an der Identitätspolitik gibt, findet da keine Beachtung. Der Gegenwind wird allein als Produkt rechter Diskurse simplifiziert, die deswegen greifen würden, weil bisher Privilegierte durch die wachsenden Ansprüche der Diskriminierten verunsichert seien. Mit den unterschiedlichen Motiven und Argumenten der Kritik muss man sich so nicht beschäftigen; sie sind allesamt bloß Ausdruck eines Aufbegehrens des Alten gegen den Fortschritt. Auch das erinnert an die vulgärmarxistische Tradition, die sich die vielfältigen Kritiken etwa am Realsozialismus nur mit reaktionären Fliehkräften der Geschichte erklären konnten. Wissenschaftlich lassen sich solche angeblichen Kausalitäten kaum nachzeichnen; sie werden allein über die begrifflichen Leitplanken einer politischen Theologie hergestellt. Genauso gut könnte man einen Zusammenhang zwischen dem Namen Karsten Schubert und einer Vorliebe für Kastensysteme und Schubladendenken ableiten.
»Wissenschaftlich lassen sich solche angeblichen Kausalitäten kaum nachzeichnen; sie werden allein über die begrifflichen Leitplanken einer politischen Theologie hergestellt.«
Dass die Vertreter der Identitätspolitik jeglicher Kritik gänzlich unverbunden gegenüberstehen, wie es für religiöse Eiferer typisch ist, wurde im Panorama ebenfalls herausgearbeitet: »Um die Identitätspolitik herum hat sich ein Schutzschirm gegen Kritik entwickelt: Ihre Praxen seien gewiss nicht perfekt, es gäbe Auswüchse, erkennen manche an; aber die moralische Richtigkeit des Ansatzes sei doch nicht zu bezweifeln! Identitätspolitik wird dabei als »rebellischer Universalismus« verkauft, der die epistemische Beschränktheit der hegemonialen Mehrheitsgesellschaft überwinden könne. Erst die (vermeintliche) Perspektive der Marginalisierten könne diverse Missstände auf die Tagesordnung universalistischer Politik setzen« (Fn. VIII.30). Diese Argumentation, wie sie auch von Schubert vorgetragen wird, klingt ehrenvoll, ist aber Augenwischerei, da sie das eigentliche Problem verkennt: dass Identitätspolitik an sich nicht repräsentativ für die Subalternen ist.
Mit Identitätspolitik ist keine aufgeklärte Demokratie zu machen
Dazu das Panorama:
»Erstens bestehen die imaginierten Gruppen, die Begierde linker Identitätspolitik sind, vor allem aus einfachen Menschen, die – wie die Einfachen der Mehrheitsgesellschaft – mit Theorie und Praxis der Identitätspolitik über Kreuz liegen. Zweitens drängen zu einer identitätspolitisch begründeten sozialen Repräsentanz vor allem jene Segmente einer subalternen Gruppe, die an die kulturelle, das heißt, die bildungsbürgerliche Einfassung von Identitätspolitik anschlussfähig sind. Das von Schubert beschriebene Ringen von Subgruppen um Sichtbarkeit findet fast ausschließlich in diesem Nexus statt. Es verzerrt soziale Repräsentation von Grund auf; die Lebensrealitäten der genuin Subalternen sind letztlich noch weniger sichtbar. Eine Linke, die das Wissen über Klassenreproduktion unter derlei Identitätsbingo begräbt, dürfte kaum verstehen, weshalb sie immanent sehr wohl spaltet: Sie unterstützt die Einheit der privilegierten Segmente subalterner Sektionen – und trennt ihre deprivilegierten Segmente ka(r)stenmäßig voneinander (Fn. VIII.16).«
Neue Freunde für die Soziale Republik? Empfehlen Sie das Pferd weiter:
Warum linke Identitätspolitik – »demokratietheoretisch richtig verstanden« – als Baustein einer aufgeklärten Demokratie nicht taugt, warum sie tatsächlich antiuniversalistisch wirkt, ja, sich sogar empirisch gegen die subalternen Massen selbst richtet, warum sie als klassistische Herrschaftstechnik fungiert, mit der das linke Lager die unteren Klassen auf Distanz zu sich bringt, warum die Kastenschuberts in einer epistemischen Ordnung feststecken, die ihnen diese Einsichten verblendet, und warum Kritik an ihr nicht nur linke, sondern Bürgerpflicht ist, all das lässt sich im Panorama (soziale-republik.org) nachlesen: dem Ankerwerk für sozialanalytische Kritik an (pseudo-)linker Identitätspolitik.

